Skip to content

[szenekritische Kommunist_innen] M31 – Kritische Anmerkungen zum Spektakel

March 31, 2012

M31 – Kritische Anmerkungen zum Spektakel in Frankfurt
Eines steht außer Frage: die herrschenden Verhältnisse sind eine ungeheure Zumutung! Dies gilt  hier speziell für das Spardiktat der Troika, welches schon jetzt zur Verarmung breiter Bevölkerungsschichten in diversen europäischen Staaten führt und ein Nährboden für reaktionäre Strömungen unterschiedlichster Prägung bietet. Daher bleibt nur zu hoffen dass M31 kein rein symbolisches Event bleibt, sondern tatsächlich den Startpunkt einer globalen Vernetzung sozialer Kämpfe markiert, um den Sparpaketen wirksame Grenzen zu setzen!
Dennoch sind uns im Vorfeld Dinge aufgestoßen welche wir nicht unkommentiert lassen möchten, gerade weil permanente Selbstreflexion für emanzipatorische Politik das A und O ist.
Wir beziehen uns im weiteren Verlauf größtenteils auf  das Ums-Ganze-Bündnis (UG), weil es bei der deutschen M31-Mobilisierung eine wesentliche Rolle spielt. Die Betonung liegt klar auf der Problematisierung des Kapitalismus als System, wodurch sich M31 positiv vom Anti-G8-Protest-Quatsch 2007 abhebt. Doch auch hier liegt der Fokus stärker auf dem Mit-mach-Charakter als auf der inhaltlichen Kritik. Daraus wird auch keinen Hehl gemacht, mensch möchte möglichst zahlreich sein: Dieses regionale M31-Bündnis hat sich gegründet, jene Bus-Koordination ist entstanden, XY schließt sich M31 an und wieder ein neues Mobi-Video. Linksunten.Indymedia ist überhäuft mit solchen Artikeln. Kein Wunder also dass von (post-)autonomen Gruppen über libertäre Gewerkschaften, bis hin zu den Jugendverbänden der Linkspartei und den Grünen (!) alles Mögliche an Zusammenhängen vertreten ist. Ehrlich gesagt fänden wir es sinnvoller würden sich einige dieser Personen in einen Marx-Lesekreis setzen, statt auf eine riesige Baustelle. 2009 wusste UG noch was vom vulgärlinken Ansatz,  „die Leuten“ seien „da abzuholen, wo sie stehen“ zu halten ist: „Bekanntlich holt man sich dabei nur deren Standpunkt ab.“ (1)  Hinter diese banale Erkenntnis scheint UG zusehends zurück zu fallen. Dass UG nichts von einer regressiven Spaltung zwischen „Real-“ und „Finanz-wirtschaft“ hält und auch im Kapitalismus in erster Linie ein strukturelles Herrschaftsverhältnis sieht, wissen wir. Deshalb kritisieren wir eine Zusammenarbeit mit Bewegungen und Gruppen, die diese Punkte bekanntlich anders sehen. Primär jenen die schon von der Selbstbezeichnung her ein falsches Verständnis der kapitalistischen Produktionsweise offenbaren: Occupy (Wallstreet).  Sie reden auch von „Kapitalismus“, meinen aber die Finanzsphäre. Von verkürzter Kapitalismuskritik, über strukturellen bis hin zu offenem Antisemitismus ist bei Occupy alles vertreten. Die Heterogenität dieser Bewegung ist uns bewusst, dennoch ist ihr Anliegen schon im Ansatz falsch. Für dieses Dilemma hat UG aber eine Lösung: „wir wollen politische Differenzen konstruktiv austragen. „ (2) Was in der Praxis bisher bedeutet diese hinzunehmen. Der Versuch, eine offene Flanke zum Antisemitismus zu verhindern, sieht anders aus. Die Occupy-Bewegung ist mit ihrem falschen Verständnis leider nicht alleine, „Capitalism ist the Crisis“ wird zwar anscheinend von allen Beteiligten unterschrieben, aber richtig spannend wird es, wenn die Frage aufkommt, was mensch unter diesem Begriff überhaupt versteht. „Kapitalismus“ als Synonym für „das System der herrschenden Klasse“ und ähnlicher Unfug  ist alles andere als progressiv. Ebenfalls bedenklich stimmt uns die neuste Begriffsschöpfung von UG, die des „internationalen Antinationalismus“. Auf einer Veranstaltung von Top Berlin im September letzten Jahres versuchte ein Aktivist der UG-nahen Gruppe Terminal 119 diese Phrase zu füllen und postulierte als letzte von vier Thesen, eine „solidarische Stellung zum Existenzrecht Israels“. Mal von dem Punkt abgesehen dass die Existenz Israels in der aktuellen weltpolitischen Situation sowieso selbstverständlich – sprich indiskutabel – sein sollte, war dies ein erster zaghafter Schritt in Richtung einer differenzierten  Nationalismuskritik. Davon ist inzwischen nichts mehr zu lesen, geblieben ist die Forderung dieser platte Antinationalismus solle global vertreten werden.  Zu guter Letzt – bevor wir zum selbstkritischen Teil kommen – kritisieren wir den mit der M31-Mobi mitschwingenden Ruf nach „echter Demokratie“. Demokratie ist zwar einerseits in Anbetracht regressiverer Formen (staatlicher) Herrschaft gegen seine falsche Aufhebung zu verteidigen, andererseits ist Demokratie die adäquate Herrschaftsweise einer kapitalistischen Gesellschaft, ein Spekulieren über eine „richtige“ Demokratie jenseits kapitalistischer Verwertungslogik wird damit überflüssig.

Wir wüssten von anderen Freund_innen der befreiten Gesellschaft gerne, was denn so toll sein soll am Zusammenspiel von „Volk“ und „Herrschaft“. Wir für unseren Teil können auf diese Kategorie gerne verzichten!

Selbstkritisch bleibt anzumerken, dass auch wir die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen haben und zu Diskussionen natürlich gerne bereit sind. Die eingeforderte Kritik linker Analysen konnten auch wir aus Platzgründen nur anreißen, vor allem auf alle zu kritisierenden Gruppen explizit einzugehen hätte den Rahmen eines Demo-Flyers endgültig gesprengt. Die Organisation einer Kampange die den M31-Hype kritisch mit verfolgt wurde leider versäumt. Es ist uns außerdem wichtig, auf  den negativistischen Charakter von Kritik zu verweisen: eventuelle Aufforderungen, wir sollten doch bitte konstruktiv sein oder sagen wie mensch es unserer Meinung nach besser machen soll, weisen wir daher zurück.

Es gibt also alles in allem genug Gründe trotz – oder gerade wegen?! – der Notwendigkeit sozialer Proteste gegen den Kapitalismus und seine Sachzwänge ein Unbehagen bezüglich des M31-Hypes zu verspüren. Deshalb rufen wir dazu auf  kritisch zu intervenieren und Szenekritik voran zu treiben. Denkt euch was aus! Seid kreativ! Der Tag ist noch lang…

Szenekritische Kommunist_innen

(1) „Zur Kritik des kapitalistischen Normalvollzugs“, Staatsbroschüre von UG, S.111
(2) „Bankenbashing ist nicht unser Ziel“, Interview in der Jungle World Nr. 5  2012
V.i.S.d.P. Robin Marcuse & Natalie Horkheimer, Senckenberganlage 26   60325 Frankfurt am Main

M31 – Kritische Anmerkungen zum Spektakel in Frankfurt, endgültige Fassung

Advertisements

From → Kritiken

4 Comments
  1. cosmo permalink

    Hi Leute, nur eine ganz kurze Anmerkung: Terminal 119 ist keine UG-nahe Gruppe. Die haben jahrelang vor allem mit der Frankfurter Gruppe Cafe Morgenland (http://www.cafemorgenland.net/) zusammengearbeitet und die haben mit UG erstmal nicht wirklich viel zu tun… Insofern handelte es sich eben auch nicht um Einsichten bei UG, sondern um Inhalte einer Gruppe, die sich selbst als “Antigriechen” bezeichnet (analog zu “Antideutschen”) und seit Jahren explizit israelsolidarisch agiert. Ich fand dann doch, das sollte nicht unerwähnt bleiben.

  2. In der Wochenzeitung Freitag wird gefragt, was der antikapitalistische Aktionstag gebracht hat:

    http://www.freitag.de/politik/1213-europaeischer-antikapitalistischer-aktionstag-2013-auftakt-oder-event

    Auf Telepolis ebenfalls:

    http://www.heise.de/tp/blogs/8/151727

  3. tlow permalink

    Jo besonders scharf “Ehrlich gesagt fänden wir es sinnvoller würden sich einige dieser Personen in einen Marx-Lesekreis setzen, statt auf eine riesige Baustelle.” – und mit “Es ist uns außerdem wichtig, auf den negativistischen Charakter von Kritik zu verweisen: eventuelle Aufforderungen, wir sollten doch bitte konstruktiv sein oder sagen wie mensch es unserer Meinung nach besser machen soll, weisen wir daher zurück.” wird es schwer überhaupt eine Ebene zu finden. Solche Gruppen schauen lieber den Effekten des Kapitalismus zu und beschränken sich darauf die Kritik anderer Gruppen zu kritisieren. Jo, bleibt in eurem Marx-Lesekreis – da haben die Kapitalisten total Angst vor – und versucht es bloß nicht besser zu machen. Ich kann an der Kritik außer vielleicht einiger zutreffender Punkte nichts Wesentliches entdecken, dass uns weiterbringen würde.

    Offenbar ist Demokratiekritik in Mode gekommen. Interessant finde ich da oft mal die Gruppenstrukturen kennenzulernen. Da hat man dann entweder oft ein Konsensprinzip, das Einzelnen ermöglicht Positionen total zu blockieren oder insgesamt ein eher unstrukturiertes und intransparentes Entscheidungsmodell das undemokratisch ist. Undemokratisch in dem Sinne, dass eben irgendwer etwas defakto entscheidet, es aber keine Abstimmungen gibt. Oder Entscheidungen jenseits einer Gruppenstruktur durch starke Charaktere geprägt werden, die nicht hinterfragt werden. Oftmals verbunden mit einem eher patriarchalen Verhalten. Das sind oft die Leute, die “Demokratie” als bürgerlich kritisieren, weil sie nicht verstehen, dass eine transparente und offene Entscheidungsstruktur Grundvoraussetzung für eine freie Gesellschaft ist. Und wer gar nicht erst andere Modelle vorschlägt, den kann ich in seiner Kritik auch schon gar nicht ernst nehmen. Ok: Demokratisch soll es nicht sein – aber eine Alternative wird nicht genannt. Also scheißegal oder was?

  4. peter shawn permalink

    ich finde ja schon, dass nicht über alles diskutiert werden muss, sondern dass es oft besser wäre das offenkundige einfach zu tun… (gibts glaub ich auch irgendwo bei tiqqun was zu) aber naja.
    eine wirklich herrschaftsfreie struktur setzt ja wohl individuen vorraus, die eine gewisse empathie füreinander aufbringen. die auch mal zurückstecken und sich nicht auf durchsetzung gepolt sind. und so. das dürfte aber im kapitalismus doch wohl eher schwierig werden (beschädigte subjekte und so, obligatorische adorno-einstreuung: “Die Gesellschaft in ihrer gegenwärtigen Gestalt — und wohl seit Jahrtausenden — beruht nicht, wie seit Aristoteles ideologisch unterstellt wurde, auf Anziehung, auf Attraktion, sondern auf der Verfolgung des je eigenen Interesses gegen die Interessen aller anderen. Das hat im Charakter der Menschen bis in ihr Innerstes hinein sich niedergeschlagen. Was dem widerspricht, der Herdentrieb der sogenannten lonely crowd, der einsamen Menge, ist eine Reaktion darauf, ein Sich-Zusammenrotten von Erkalteten, die die eigene Kälte nicht ertragen, aber auch nicht sie ändern können.”). insofern würde ich behaupten, ist eine “transparente und offene Entscheidungsstruktur” in den bestehenden verhältnissen gar nicht realisierbar, denn wenn das versucht wird, werden sich eh wieder einzelne durchsetzen. das kann man dann entweder mit einem demokratischen formalismus wie bei den radikaldemokrat_innen lösen oder halt als offenen widerspruch akzeptieren. [vielleicht auch eines der größten probleme der linken: die unfähigkeit zu akzeptieren, dass man im bestehenden dem eigenen anspruch nicht gerecht werden kann.] Naja und ein anderes Modell für die konkrete praxis? einfach mal machen und bei kritik offen und möglichst freundlich nach lösungen suchen. wie halt in den normalen alltagsbeziehungen auch… Nicht dass das die Befreiung wäre, aber die ist m.E. ohne gesamtgesellschaftliche Umwälzung nicht zu haben.

    und konstruktiv finde ich muss kritik nicht sein. bzw.: dann ist sie keine kritik, weil sie nicht mehr analytisch seziert, sondern sich selbst entwaffnet durch freundlichkeiten, wo keine angebracht sind. kritik ist schließlich kein kindergeburtstag, sondern soll zu verständnis und analyse beitragen und darf dafür keine scheuklappen tragen. da darf man sich nur nicht auf die füße getreten fühlen. klar, ich bin auch nicht begeister, wenn ich kritisiert werde, aber dann schläft man halt mal ne nacht drüber, überlegt in ruhe – wenn der ärger verflogen ist – was an der ganzen Sache dran ist und äußert sich dann oder auch nicht. Anders, als wenn man sich hin und wieder auf die Füße tritt, kommt man doch nicht dazu eigene Theorien zu überprüfen und zu überarbeiten (und damit treffender un besser zu machen).

    achso und zitate finde ich gut, wenn die besser ausdrücken was man sagen will, als man es selbst formulieren könnte. warum denn auch nicht, man könnte natürlich auch selbst nochmal alles durchdenken, aber warum sollte ich nicht von den verschriftlichten gedanken anderer gebrauch machen, um mir nicht selbst das hirn zermartern zu müssen.

    ganz schön wirr alles, aber hoffentlich trotzdem verständlich…

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: